... Geister wie Ferdinand de Saussure und Jerzy Kurylowicz in strenger Geistesarbeit gezogen, mit Émile Benvenistes bezaubernder Latinität in eine klare Form gebracht, und in unserer Zeit vor allem durch Karl offmann und seinen Schülerkreis ausgebaut, dem ich mich tief verbunden fühle.
Ich war also als Indogermanist vielfach Autodidakt; und ich weiß nicht, ob ich damit so schlecht gefahren bin. Vielleicht hat diese Erfahrung jedoch meine Tätigkeit als akademischer Lehrer geprägt. Ich war zwar - als begeisterter Handbuch-Schreiber - ein guter und klarer Lehrer der Elemente, besonders, wenn ich sie in Pflichtvorlesungen an Nicht-Indogermanisten vermitteln mußte; der vielleicht nicht nur anerkennend gemeinte Ausspruch eines Kollegen, der mir zugetragen wurde, hat mich wie ein Ritterschlag getroffen: "Bei Mayrhofer versteht sogar ein Grenzdebiler das Vernersche Gesetz". Aber ich war nicht jener Lehrer-Typus, der den fortgeschrittenen Studenten "seine ungeschriebenen Bücher" vortrug; ich verwies sie eher auf die intensive Lektüre von
Meisterarbeiten (die durchaus auch neuesten Datums sein konnten). Ich hielt es - und damit beruhigte ich mein Gewissen - mit jenem Komponisten, der seiner Kompositionsklasse statt eigener Übungen die Auflage machte, die Partitur von Beethovens 2. Symphonie immer wieder zu studieren. Vielleicht war das doch der bessere Unterricht ?
Durch Nachdenken und viel, viel Lesen habe ich mich von der Indogermanistik meiner Studienzeit allmählich entfernt. Als Student, Anfang der Zwanzig, habe ich eine ganze Menge publiziert. Diese Sachen sind unreif - und sie sind alles, was ich heute ablehne: unphilologisch, substratfreudig, indogermanistisch "konservativ". Wenn ich zufällig eines dieser Werke aufschlage, bin ich bedrückt und beschämt.